Bundeswehr --- Wir sind da!

 

Wir sind da. Ja ja, genau. Besser gesagt: _ICH_  _WAR_ da.

Fazit nach 10 Monaten Bund: Wer nicht dabei war, kann nicht mitreden!

 

Aber ich will mal ganz von vorne anfangen:
Im Laufe der zwölften Klasse flatterte irgendwann einmal der Musterungsbescheid bei mir ins Haus und im August des Jahres 1998 wurde ich im Kreiswehrersatzamt Heilbronn auf T2 gemustert. Eine Weile überlegte ich mir, ob ich mich nicht sogar für zwei Jahre verpflichten sollte, aber am Ende sprachen doch mehr Argumente dagegen als dafür. Am 1. Juli 1998 - zwei Tage nach dem Abistreich und keine Woche nach dem Abiball - begann dann das Abenteuer Bundeswehr - zusammen mit Tim Dierolf, Timo Schrot und Alexander Stoll - beim Gebirgssanitätsregiment 8 in Kempten. Zum Glück wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was uns erwarten würde!
Wappen 8./GebSanRgt 8

Wie war das noch? Mittags am 1. Juli 1998: Alex mit Lindts

Die ersten Wochen Grundausbildung verliefen eigentlich gar nicht mal so schlimm. Man wurde zwar herumkommandiert und ständig wurde rumgeschrieen, aber daran konnte man sich gewöhnen und auch die physischen Anforderungen waren wohl bei uns in Kempten nicht so hoch wie in anderen Grundausbildungskompanien, wenn man den Berichten der anderen Glauben schenken durfte. Man sollte es kaum glauben, aber die letzte Woche Grundausbildung war wohl die schlimmste von allen. In dieser Woche gab es nämlich keine Ausbildung im eigentliche Sine mehr, sondern nur noch putzen, putzen, putzen. Was Bundeswehr wirklich bedeutet, wurde mir erst klar, als wir einen ganzen Tag (von 7 Uhr bis 16. 30 Uhr) unser Gewehr G3 reinigen durften - wobei erwähnt werden sollte, daß man diese Tätigkeit gut in einer Stunde abschließen könnte! Erst die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der ganzen Arbeit war es, die mir zu schaffen machte. Draußen schien die Sonne und außerhalb der Kaserne gab es genug zu tun, aber wir mußten den ganzen lieben langen Tag den Lauf unseres Gewehr reinigen.

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Am 1. Juli

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Elterntag in Kempten

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Zugfoto

 

Nach der achtwöchigen Grundausbildung nahm ich an einem einmonatigen Sanitätslehrgang teil und wurde dann in die 4. Kompanie des Gebirgssanitätsregimentes 8 versetzt. Als Fahrbefehlschreiber im ZgFhr-Gezi (für nicht-Bundler: Zugführer-Geschäftszimmer) sorgte ich dafür, daß die Busfahrer unserer Kompanie auch immer ihre Fahrbefehle erhielten und alles schön bürokratisch weiterlaufen konnte. Ein bißchen weniger Bürokratie beim Bund und etwas mehr Flexibilität hätte dazu geführt, daß mein Arbeitsplatz überflüssig geworden wäre.

Gelöbnis
Gelöbnis

Wappen 4./GebSanRgt 8

Eingelernt in diese Tätigkeit war ich nach ungefähr einer Stunde, und ich fristete die folgenden zwei Monate damit, Solitär zu spielen (beat this: 99 Sekunden für einmal komplett abräumen!) und gelegentlich mal einen Fahrbefehl auszudrucken. Den öden Tagen folgten dafür umso interessantere Abende. Montags war Sauna- und Kino-Tag. Dienstags ging's zu Katrin Worms zocken, Mittwochs ausruhen und Donnerstags Mensafete - so ungefähr sahen unsere Wochen aus. Freitags, kurz nach zwölf, konnten wir endlich die verhaßte Kaserne verlassen und das (natürlich oft viel zu kurze) Wochenende konnte beginnen. Bis wir am Sonntag abend wieder in den Bummelzug Richtung Kempten steigen mußten.

 

Ende November änderte sich dann so manches. Meine Großmutter war zu uns nach Hause gezogen und mußte fortan von meiner Mutter gepflegt werden. Aus diesem Grund stellte ich einen Versetzunganstrag zu einem Standort in der Nähe meines Heimatortes und am 1.12. wurde ich dann zur Stabskompanie der Panzergrenadierbrigade 30 in Ellwangen versetzt. Nach anfänglicher Verwirrung ("WER sind Sie, sagten Sie? Hmm, und Sie sind hierher versetzt worden?) - die ich allerdings vom Bund inzwischen gewohnt war, schickte man mich schließlich in die S1-Abteilung des Stabes der PzGrenBrig 30. Diese Abteilung war zuständig für Presse- und Personalangelegenheiten und im Laufe der folgenden Monate wurde ich langsam zum Assistenten vom Abteilungsleiter, Oberstleutnant Schleicher, der mir bewies, daß es bei der Bundeswehr nicht nur regressiv psychopatischen Pöbel mit hochgradigem Minderwertigkeitskomplex und daraus entstehendem Autoritätswahn, kurz:

Wappen StKp PzGrenBrig 30

Idioten, gibt, sondern daß Vorgesetzte auch Vorbilder sein können. Die Zusammenarbeit mit ihm machte Spaß und ich kann sagen, daß ich ihm gern zuarbeitete. Dazu kam, daß es einen Niveausprung in meinem Aufgabenspektrum gab und ich in der S1-Abteilung anspruchsvollere Aufgaben als in Kempten machen durfte. So gehörte zu meinem Aufgabenbereich unter anderem das Erstellen von Presseartikeln und das Bearbeiten von Präsentationen. Das Gute daran war, daß ich unter OTL Schleicher stets auch meine eigenen Ideen miteinbringen konnte. Mitdenken! Querlesen!
Dennoch war ich nach rund 7 Monaten Bundeswehr so frustriert und desillusioniert, daß ich schon begonnen hatte, eine Eingabe an die Wehrbeauftragte zu schreiben. Wer diese Eingabe lesen möchte und erfahren will, warum ich sie nie abgeschickt habe, klickt hier. Wer den Jahresbericht der Wehrbeauftragten 1998 herunterladen möchte (vor allem für aktive Bundler und Ex-Bundler sehr zu empfehlen), klickt hier (258k)
Leider wurde OTL Schleicher zum 1. April nach Sonthofen versetzt und sein Nachfolger verkörperte bedauerlicherweise alle negativen Klischees, die man von einem Bundeswehr-Offizier haben kann. Er war arrogant, autoritär,... Na ja, lassen wir das. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch recht viel Urlaub und mußte ihn deshalb nicht mehr so lange erleben. Nur die S1-Abteilung tut mir jetzt noch leid.
Der letzte Marsch, der geht nach Haus, beim Bund ist's nun für immer aus!
Dies hätte mein Motto am 30. April 1999 sein können, denn ein Marsch von Ellwangen nach Crailsheim sollte meine letzte militärische Tat sein, die ich während meiner Bundeswehrzeit vollbrachte!

 

Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich, wenn ich nochmal vor der Entscheidung stünde, wieder die Bundeswehr dem Zivildienst vorziehen würde, dann würde ich wahrscheinlich mit "Ja" antworten. Wenn ich die selbe Frage allerdings nach ungefähr der Hälfte meiner Bundeswehrzeit hätte beantworten müssen, dann wäre ein entschiedenes "Nein" meine Antwort gewesen. Jetzt im nachhinein, erkenne ich zum einen den Vorteil, den man durch die im Vergleich zum Zivildienst 3 Monate kürzere Wehrdienstzeit hat, konkreter und deutlicher, als man das während der Wehrdienstzeit tut. Zum anderen aber behaupte ich heute, daß ich durch die "Negativerfahrungen" bei der Bundeswehr mehr gelernt habe, als ich das vielleicht durch einen "lockeren" Zivijob getan hätte. Beispielsweise durch das Zusammenleben mit vier bis sieben Kameraden auf einer Stube und das Erleben der sozialen Probleme und Spannungen, die sich vor allem dann ergeben, wenn die Stubengenossen nicht fähig sind, Konflikte verbal zu lösen. Oder die Erkenntnis, daß Bildung tatsächlich ein Privileg ist und man sich freuen sollte, wenn man lernen darf. Und sowieso bin ich der Meinung, daß man um eine Erfahrung ärmer ist, wenn man nicht einmal im Leben eine Grundausbildung oder ein Biwak mitgemacht hat. Ich weiß, in Kempten habe ich ganz sicher nicht eine der härtesten Grundausbildungen gehabt, aber trotzdem könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen, sowas wie Grundausbildung noch einmal zu machen. Einmal sollte man es erlebt haben, aber auch nur einmal und nicht öfter!  

 


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